VON DEM FLUCH IMMER ERREICHBAR SEIN ZU MÜSSEN
Ich bin dann mal weg – wie gerne würde ich das viel öfters
sagen, doch wie oft kommt das eigentlich vor, dass man sich mal „rarmachen“
kann? Rarmachen darf? Ok, ich bin selbstständig und auch immer gerne für meine
Kunden da – wenn es nicht gerade morgens vor halb acht ist.
Aber was ist mit der kurzen und kostbaren privaten Zeit? Und wie oft, wird selbstständig damit verwechselt, dass man sich ja für alles und jeden auch Zeit nehmen kann, wenn man das bloß will?
Wenn man ehrlich ist, darf man doch fast gar keine Nachricht
nicht mehr lesen und kein Telefonat nicht mehr annehmen. Überall musst du
präsent sein. Du bist durchsichtig und online. Du sieht, wann wer was bei
facebook postet, du siehst die verdammten blauen Häkchen bei WhatsApp und jeder
erwartet, dass du dein Telefon überall mit hinnimmst bzw. deinen Toilettengang
nach Möglichkeit sofort abbrichst, wenn deine Smartphone wieder bimmelt.
Ach nein, es bimmelt ja nicht mehr – es singt in den
schönsten Tönen deiner Lieblingsmusik, die du dann aber auch schon bald
verfluchst, weil du das ständige blöde Gesinge nicht mehr ertragen kannst.
Ich sehne mich manchmal zurück zu den Zeiten, als ich noch
die Tasten des Festnetztelefon drücken durftest, dass auf dem Flur durch die
Schnur festgekettet war. Da war ein Anruf noch ein Erlebnis war und es war
spannend, wer da anrief.
Und wenn dann der momentan aktuelle Schwarm tatsächlich dran
war, dann musste man erst einmal nach Luft ringen und wenn es doch wieder „nur“
die Oma war, um zu erzählen, dann hat man sich trotzdem gefreut, da Anrufe
generell selten und kostbar waren.
Es gab auch noch ein Besetztzeichen und keine bescheuerte
Anrufklopffunktion, die einem bei einem wirklich wichtigen Telefonat den
allerletzten Nerv rauben kann. Besonders wenn der zweite Anrufer es dann drei
Mal innerhalb von fünf Minuten versucht.
All diesen Menschen verrate ich nun mal etwas: Man kann eure Nummer sehen, denn diese
Menschen die das tun, die zeigen ihre Nummer immer! Und wenn man telefoniert
und aufgelegt hat, dann kann zurückrufen, wenn man nicht gerade bei einem
anderen Kunden ist. Oder vielleicht auch erst später, wenn die Wut ein wenig
verraucht ist und man am Telefon auch wieder lächeln kann.
Und wenn ich nicht zurück rufe, was sich dann auch nur auf
den privaten Bereich beschränkt, dann möchte ich es vielleicht einfach auch
nicht! Geschäftlich bin ich käuflich, das gebe ich offen zu – zahl mich und du
bekommst mich. So einfach kann das manchmal sein.
Aber alles was mein Privatvergnügen angeht?
Seid mir nicht böse Leute, aber manchmal habe ich einfach
weder Zeit oder gerade die Muße zurück zu rufen, da ich den ganzen Tag schon
unterwegs war, den ganzen Tag schon geredet habe, den Kopf einfach voll habe
oder gerade versuche mich auf etwas zu konzentrieren.
Oder einfach nur,
weil ich einfach mal unerreichbar und für mich sein will. Mein Zeit und
meine Auszeit, das will ich und das brauche ich auch.
Das heißt jetzt nicht, dass jeder der mich gerade nicht
erreicht, jetzt was Schlimmes von mir denken soll.
Aber wenn jeder mal ein bisschen selber nachdenken und ein
bisschen an den anderen denken würde, bevor er gleich zum Smartphone greift und
ihn mit Nachrichten bombardiert oder mit Fragen warum man nicht „erreichbar“ ist,
dann hätten wir wahrscheinlich viel mehr Zeit und Lust, uns wieder zu begegnen
und Zeit die schönen Dinge viel mehr zu genießen.